
Viele Menschen in meinem Umfeld wissen, dass ich regelmäßig an den Augen behandelt werde. Am 6. Oktober 2026 wurde ich deshalb mehrfach auf einen Eingriff angesprochen, der am Vortag am Universitätsklinikum Bonn durchgeführt worden war. Dabei kam das Implantat Contivue mit dem Medikament Susvimo, beides vom Hersteller Roche, zum Einsatz. Susvimo enthält den Wirkstoff Ranibizumab.
Was ist Contivue?
Contivue ist ein kleines, dauerhaft im Auge verbleibendes und nachfüllbares Implantat. Es dient als Wirkstoffspeicher: Nach dem Einsetzen gibt es Susvimo langsam und kontinuierlich in den Glaskörper ab – den gelartigen Bereich im Inneren des Auges.
Susvimo ist eine hoch konzentrierte Ranibizumab-Lösung. Das Implantat wird chirurgisch eingesetzt und anschließend etwa alle sechs Monate in einer Praxis oder Klinik nachgefüllt. Ziel ist es, seltener Medikamente ins Auge geben zu müssen als bei einer Behandlung mit regelmäßigen Injektionen.
Wichtig ist die Unterscheidung: Contivue ist das Implantat, Susvimo das dazugehörige Medikament. Das System ist kein Sehimplantat und ersetzt weder die Netzhaut noch die Augenlinse. Es soll das Medikament gezielt dorthin bringen, wo es gebraucht wird.
Was passiert bei feuchter AMD?
Die altersabhängige Makuladegeneration (AMD) betrifft die Makula, den zentralen Bereich der Netzhaut. Dieser Bereich ist wichtig für scharfes Sehen – zum Beispiel beim Lesen, beim Erkennen von Gesichtern oder beim Betrachten feiner Details.
Bei der neovaskulären AMD, auch feuchte AMD genannt, wachsen unter der Netzhaut krankhafte neue Blutgefäße. Diese Gefäße können undicht sein, sodass Flüssigkeit oder Blut austritt. Dadurch kann die Netzhaut anschwellen und geschädigt werden. Ohne Behandlung kann das zentrale Sehvermögen verloren gehen.
Eine Rolle spielt dabei der Botenstoff VEGF-A. Vereinfacht gesagt, kann er das Wachstum und die Durchlässigkeit von Blutgefäßen fördern. Ranibizumab bindet an VEGF-A und hemmt seine Wirkung. So soll es das Wachstum krankhafter Gefäße und den Austritt von Flüssigkeit bremsen.
Wie funktioniert das Implantat?
Das Implantat enthält ein Reservoir mit Ranibizumab. Ein spezielles Element aus Titan steuert, wie schnell der Wirkstoff aus dem Speicher in den Glaskörper gelangt. Die Abgabe erfolgt passiv: Das Implantat braucht weder eine Batterie noch eine elektronische Steuerung.
Die Behandlung besteht grundsätzlich aus zwei Schritten:
- Einsetzen: Das Implantat wird bei einem chirurgischen Eingriff ins Auge eingesetzt und mit dem Medikament befüllt.
- Nachfüllen: In regelmäßigen Abständen wird das Reservoir durch die Bindehaut hindurch wieder befüllt. Für die zugelassene Anwendung in der EU ist ein Abstand von sechs Monaten vorgesehen.
Das Nachfüllen ist nicht dasselbe wie eine gewöhnliche Spritze in den Glaskörper. Das Medikament wird mit einer speziellen Nadel direkt in das Implantat eingebracht.
Kontrolltermine bleiben trotzdem wichtig. Die Augenärztin oder der Augenarzt muss prüfen, ob die Erkrankung ausreichend kontrolliert ist und ob eine zusätzliche Behandlung nötig wird.
Für wen ist Contivue mit Susvimo zugelassen?
Die EU-Zulassung gilt für Erwachsene mit neovaskulärer AMD, deren Erkrankung sich nach einer vorherigen Behandlung mit einem VEGF-Hemmer stabilisiert hat. Das Implantat ist also nicht automatisch eine Erstbehandlung für alle Menschen mit neu diagnostizierter feuchter AMD.
Ob die Behandlung infrage kommt, entscheidet die behandelnde Augenärztin oder der behandelnde Augenarzt. Dabei spielen der Krankheitsverlauf und die persönliche Situation eine Rolle.
Was zeigen die bisherigen Studien?
In der maßgeblichen Zulassungsstudie wurden 415 Erwachsene mit feuchter AMD untersucht. Bei allen hatte sich die Erkrankung nach einer vorherigen Behandlung stabilisiert. Verglichen wurden zwei Behandlungen:
- Contivue mit Susvimo, das alle sechs Monate nachgefüllt wurde
- Ranibizumab-Injektionen, die etwa alle vier Wochen verabreicht wurden
Das zentrale Ergebnis: Das Sehvermögen blieb in beiden Gruppen im Durchschnitt weitgehend stabil. Im Sehtest veränderte sich der Wert im Mittel um +0,2 Buchstaben bei Susvimo und um +0,5 Buchstaben bei den monatlichen Ranibizumab-Injektionen.
Die Studie deutet damit darauf hin, dass das Implantat das Sehvermögen in der untersuchten Patientengruppe ähnlich gut erhalten kann wie die verglichene monatliche Injektionstherapie – bei weniger häufigen planmäßigen Medikamentengaben.
Mögliche Vorteile
Mit dem Implantat sind weniger planmäßige Termine nötig, bei denen das Medikament verabreicht wird. Das kann die Belastung durch häufige Fahrten, Terminplanung und wiederholte Injektionen verringern.
Der tatsächliche Nutzen hängt jedoch von der persönlichen Situation ab. Kontrolltermine entfallen nicht automatisch. Außerdem wird der Wirkstoff über längere Zeit schrittweise abgegeben, statt nur in einzelnen Abständen injiziert zu werden.
Risiken und Nachteile
Das Implantat Contivue kann die Zahl der planmäßigen Medikamentengaben verringern. Dafür ist ein chirurgischer Eingriff zum Einsetzen nötig. Auch das Nachfüllen erfordert weitere medizinische Verfahren. Das Implantat bringt daher eigene Risiken mit sich.
Die Europäische Arzneimittel-Agentur nennt als häufige Nebenwirkungen unter anderem Blutungen oder Rötungen an der Bindehaut, Augenbeschwerden, Entzündungen der Regenbogenhaut, grauen Star, sogenannte Glaskörpertrübungen und Kopfschmerzen. Nebenwirkungen können im Vergleich zu Ranibizumab-Injektionen häufiger auftreten. Für die zugelassene Patientengruppe bewertet die EMA den Nutzen insgesamt jedoch als größer als die Risiken.
Wie bei Eingriffen am Auge können auch schwerwiegendere Komplikationen auftreten, insbesondere Infektionen oder Entzündungen. Bei einer möglichen Augeninfektion oder einer schweren Entzündung im Auge darf Susvimo nicht angewendet werden.
Ersetzt das Implantat weitere Augenbehandlungen?
Auch mit Implantat sind regelmäßige Kontrollen notwendig. Dabei prüft die Ärztin oder der Arzt unter anderem, ob die Netzhaut stabil bleibt und das Implantat wie vorgesehen wirkt. Je nach Befund kann eine zusätzliche Behandlung erforderlich sein.
Zusammenfassend
Das Implantat Contivue mit dem Medikament Susvimo ist eine zusätzliche Möglichkeit, den Wirkstoff Ranibizumab bei bestimmten Erwachsenen mit stabilisierter feuchter AMD über ein nachfüllbares Implantat abzugeben. Die zugelassene Anwendung sieht ein Nachfüllen alle sechs Monate vor.
In der untersuchten Patientengruppe blieb das Sehvermögen im Durchschnitt ähnlich stabil wie bei der verglichenen monatlichen Injektionstherapie – bei weniger häufigen planmäßigen Medikamentengaben. Dem möglichen Vorteil einer geringeren Behandlungslast stehen jedoch ein chirurgischer Eingriff und implantatspezifische Risiken gegenüber.
Die hier beschriebene neue Möglichkeit ist deshalb nicht pauschal besser für alle, sondern eine weitere Option, die gemeinsam mit einer Augenärztin oder einem Augenarzt abgewogen werden sollte.
Weitere Informationen & Disclaimer
Die Freigabe des Medikaments findet man bei der Europäische Arzneimittel-Agentur beziehungsweise Allgemeines und die Daten in verschiedenen Sprachen hier.
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